Atelier Edda Dietrich

Von Edda Dietrich

Von Konzepten und Herzenswärme


Samstag, 20. Juli 2008

Für mich ist heute der letzte Tag in Berlin für die Aktion Volksabstimmung angebrochen. Ich bin mit Kurt auf dem Boxhagener Platz verabredet. Hier ist heute Wochenmarkt. Ich lehne meinen Rosenstock mit der letzten roten Rose dieser Reise an den Zaun. Noch einmal sortiere ich mein Klemmbrett und ziehe mir das Sandwich mit der Aufschrift Aktion Volksabstimmung über. Der Markt ist schon früh gut besucht, so ist es etwas schwierig, sich hier gleich zu finden. Aber dann: Hallo, Kurt!

Wir sind begeistert, dieser Ort ist gut gewählt. Wir führen Gespräche, die sich wie Perlen an die Kette reihen. Ein kleiner Regenguss stört uns nicht, nehmen wir ihn gerne als Gelegenheit für eine kleine Pause wahr. Ich hole meinen Rosenstock und sehe, dass die Blüte verschwunden ist. Irgendjemand hat sie abgepflückt. Ich denke: Vielleicht ist es stimmig, weil ja heute der letzte Tag meiner Reise ist. Traurig stimmt mich die abgebrochene Rose aber doch.

Ich erinnere mich, wie sehr die Rose meine Wege in diesen zwei Wochen in Berlin mitbestimmt hat, wie unmöglich es wurde mit Stock und Rose in der Hand an Bettlern vorbeizugehen, wie viel neugieriges Fragen sie in U-Bahnhöfen und in S-Bahnen ermöglichte, wie viele Begegnungen sie eröffnete.

Kurt fragt mich, was ich nun mit dem Stock, an dem nur noch der erbärmliche Stängel befestigt ist, machen werde. Ich sage: Das bleibt so, wie es ist, das ist nun mal mein Konzept: für jeden Tag eine rote Rose.

Nach der Pause geht es wieder ans Werk. Ich mache ein Foto von Kurt, der es gerade den Marktschreiern gleichmacht und ruft: Volksabstimmung, jetzt zwei Unterschriften für eine! Wir lachen. Im linken Bildausschnitt sehe ich meinen Stock mit Stängel.

Wenig später tippt Kurt mich an der Schulter. Er hält eine Rose in der Hand. Eine weiße und noch eh ich reagieren kann, kommt die weiße Rose an meinem Stock. Ich freue mich über die aufmerksame Geste, - aber: Das ist doch gegen mein Konzept!

Dann schließlich nimmt Kurt meine Kamera und ich ahne, was er vorhat: Nein, Fotos mit mir drauf gehören nicht zum Konzept. Kurt fotografiert trotzdem und ich denke: Konzeptbruch auf der ganzen Linie - aber Herzenswärme zwischen uns.


Die Selbsterfahrung gibt's dazu

Freitag, 18. Juli 2008

Heute arbeite ich mit Stefan Böhme in der Kastanien Allee. Wir kennen uns aus der Aktionsarbeit in Düsseldorf. Philosophische Gespräche und eine Menge Spaß sind mit ihm garantiert. Und nach den neuen Absprachen gestern, läuft heute alles wieder rund. Die Stunden unter den Kastanien vergehen schnell. Am frühen Nachmittag kommt Anja und verabschiedet sich, morgen hat sie wieder Frühdienst im Ambulanten Pflegedienst in Dortmund. Sie lacht und meint: „Es stimmt. Diese Tage auf der Straße für die Aktion Volksabstimmung waren der reinste Selbsterfahrungskurs, besser als einer, für den man anderswo Tausende von Euros bezahlen muss.“

Formfragen:

 

Jetzt weiß ich auch wieder,

wer Jospeh Beuys gewesen ist

 

Donnerstag, 17. Juli 2008

Gestern ist es spät geworden. Drei Tage im Namen der Bundesweiten Volksabstimmung liegen hinter uns. Anja und ich haben ein erstes Resümee gezogen. Bis weit in die Nacht ging unser Gespräch. Wir haben Schwierigkeiten mit der Form des Adressfeldes der Aktionskarten. Wir fragen uns, ob deutlich genug ersichtlich ist, dass, wenn ein Interessent das Feld für die Telefonnummer ausfüllt, er von einem der Mitarbeiter der Initiative einmal mit der Frage angerufen wird: Ob er die Aktion Volksabstimmung mit einer einmaligen Spende oder als Fördermitglied unterstützen möchte. Mir ist das nicht eindeutig genug ausgedrückt. Zunächst hatte ich gedacht, ich könnte über diesen kleinen Formfehler hinwegsehen. Aber in der Arbeit der vergangenen Tagen wird deutlich: Ich kann und will das nicht. Anja erlebt dies ähnlich und so kommen wir schnell von der Form- zur Geldfrage.

Noch auf dem Weg zum heutigen Sammelort am Kollwitzer Platz diskutieren wir, haben immer noch keine gute Lösung gefunden, wie wir heute arbeiten wollen. Ich denke, dass ich in dieser Weise nicht weiter arbeite und rufe Kurt Wilhelmi an. Der kommt und so sitzen wir im „Café 1900“ und reden.

Allen ist klar, dass diese Aktion und auch die Arbeit für den Omnibus finanziert werden muss. Keiner von uns hat ein Problem damit, dass dies über Spenden und Förderbeiträge geschieht. Das ist ein notweniger Kompromiss, weil wir in einem System leben, dass eine ideelle und unabhängige Arbeit nicht unterstützt. Um keine Selbstausbeutung zu betreiben, ist es notwendig, dafür zu sorgen, dass die Arbeit, die wir leisten auch finanziell wertgeschätzt wird. Kurt arbeitet beispielsweise ausschließlich für den Omnibus. Seine Arbeit wäre ohne ein geregeltes Einkommen nicht denkbar. Da der Omnibus aber Ideen und Aktionen und keine Güter produziert, da mit seinen Ideen erst einmal kein Gewinn erzielt werden kann, würde ihm keine Bank Kredit gewähren und ein Einkommen wäre nicht zu finanzieren. Im Moment geht das nur durch Spenden und regelmäßige Förderbeitrage der Mitglieder. So sieht es aus. Wir sind mitten in der Geldfrage. Wie viele Kompromisse aber an das derzeitige System sind erlaubt, wo ziehen wir die Grenzen, um nicht unglaubwürdig zu werden?

Ich erzähle Kurt, was diese „Telefonnummer“  mit mir in den vergangenen Tagen gemacht hat: „Über die Volksabstimmung komme ich mit den Menschen in spannende Diskussionen. Selbst die, die zunächst abwinken und meinen, wenn wir die Volksabstimmung haben, dann haben wir bald die Todesstrafe eingeführt, lassen sich auf das Für und Wider ein. Vertrauen baut sich auf. Vielleicht bleiben wir sogar unterschiedlicher Meinung, aber doch spüre ich, ist in dem einen oder anderen Menschen ein Denken angeregt, das vielleicht irgendwann in eine neue Richtung weist. Das ist der Grund, warum ich hier stehe, warum mir diese Aktionen Freude machen. In der Regel steht am Ende der Gespräche meine Einladung, die Karte an den Bundestag mit der eigenen Willensbekundung für die Volksabstimmung auszufüllen. Immer fußt diese Bekundung auf absoluter Freiwilligkeit. Bis dahin ist alles gut. Aber fordere ich dann mein Gegenüber auf, auch die Karte für unsere Initiative auszufüllen, auf der er mit Adresse, E-Mail und eben dieser Telefonnummer von uns weiter informiert wird, kommt es für mich zu einem deutlichen Vertrauensbruch. Immer wieder nimmt dieser Part, dem vorangegangenen Gespräch die Glaubwürdigkeit. Plötzlich stehe ich einem Menschen gegenüber, der mein Anliegen in Frage stellt. In den Gesichtern lese ich: „Ging es hier die ganze Zeit um meine Telefonnummer und eine damit verbundene Spendenanfrage?“

Nach einem ausführlichen Gespräch finden wir eine Lösung. Es wird neue Karten geben, auf denen Sinn und Zweck der Telefonnummer explizit ausgeschrieben werden.

Für mich heißt das bis dahin, ich weise noch ausdrücklicher auf den Sinn des Telfonnummerfeldes hin und unterstreiche dabei die absolute Freiwilligkeit, diese dort einzutragen.

Ich denke an die Aussage von Joseph Beuys, dass wir unser Denken und künstlerisches Schöpfen immer wieder am Material überprüfen müssen. Anja und ich bedanken uns bei Kurt für seine Offenheit und ich weiß nun: Wer Neues denken will, der darf auch Fehler machen, diese immer wieder zum Sinn der Idee hin korrigieren zu können, das ist die große Kunst.

Eigentlich ...

Mittwoch, 16. Juli 2008

Heute geht’s zusammen mit Anja nach Berlin-Friedrichshain. Hier leben viele Studenten, Künstler und Lebenskünstler. Schnell haben wir einen geeigneten Platz an der Frankfurter Allee gefunden. Zwischen Buchladen und Dönerbude sprechen wir die ersten Passanten an. Es geht ganz leicht. Zahlreiche Gespräche werden über Fahrradlenker hinweg geführt. Die meisten meiner Gesprächspartner sind begeistert von unserer Aktion. Ebenso wie ich sind sie jedoch der Meinung, dass noch viel Bildungs- und Bewusstseinsarbeit notwendig ist, bis das Instrument der Volksabstimmung wirkungsvoll und tragend für eine bessere Zukunft eingesetzt werden kann. Wie aber sollte so eine Bildungsarbeit aussehen? Ich berichte über die Arbeit des Omnibusses für Direkte Demokratie, erzähle, dass er durch die Lande reist, die Menschen in Schulen und Städten über die Volksabstimmung und was dies für unser Menschsein bedeutet informiert, an diesen Orten den Raum öffnet für neue Gedanken und spannende Dialoge. Eine Broschüre über die Arbeit des Omnibusses nach der anderen wechselt den Besitzer und ich freue mich, heute stehe ich wirklich im Gespräch mit tollen Menschen, lerne selbst neue Argumente für aber auch gegen die Volksabstimmung kennen. Mit den Menschen hier im „Bildungsviertel“ zu reden, macht Spaß. Aber eigentlich, denke ich später, wollte ich vor allem die Menschen interessieren, für die diese Idee völlig neu ist. Ich wollte sie anregen und einladen, mit mir darüber nachzudenken, wie eine menschliche Zukunft gestaltet werden könnte; eigentlich.

Der Alex schafft mich

Dienstag, 15. Juli 2008

Ich stehe auf dem Alexanderplatz - wir Berliner sagen kurz: Alex - und bemühe mich, jeden der Vorbeiziehenden freundlich anzusprechen. Aber heute geht gar nichts. Es ist, als stünde auf meiner Stirn geschrieben: Bitte weichen Sie mir aus! Ich weiß, dass viele der berlinerprobten Sammler sagen: Auf dem Alex, da brauchst du es erst gar nicht zu versuchen. Aber nun stehe ich doch hier, und finde erst einmal, dass die Menschen nicht anders aussehen als sonst wo in Berlin. Doch es bleibt dabei: Kaum einer reagiert auf meine Ansprache. Gut, dieser Platz zwischen DM, Galeria-Kaufhof und der Weltzeituhr dient überwiegend dazu, von einem zum anderen Ort des Konsums zu gelangen. Aber das war an den Biomärkten auch der Fall.

Man sagt: Hier, am Alex, ist ein anderes Klientel. Man meint: Die Menschen sind weniger gebildet, sind nicht interessiert, der typische Bildzeitungsleser eben.

Darum denke ich, es wäre doch gut, gerade hier zu stehen und den einen oder anderen für die Idee der Volksabstimmung zu interessieren und über die Idee zu informieren. Ist das nicht sinnvoller, als die anzusprechen, die eh schon in der Regel gut Bescheid wissen? Aber Unterschriften und ausgefüllte Karten bekomme ich halt leichter bei ihnen. Da ist der zählbare Erfolg am Abend für mich größer. Der Aufwand an Stunden im Verhältnis zu den Karten steht dann offensichtlich in einem guten Verhältnis. Wenn ich hier noch lange stehe, wird mir das für diesen Tag nicht gelingen.

Endlich bin ich es leid und gebe auf. Zum Trost gibt’s Waffeln mit heißen Kirschen, Vanilleeis und einer ordentlichen Portion Sahne.

"Sie vergreifen sich an Staatseigentum"

Montag, 14. Juli 2008

Ich bin noch nicht ganz wach, da quietscht schon die Kornquetsche: Anja macht Frühstück. Heute ist der erste Tag, an dem wir für die Aktion Bundesweite Volksabstimmung unterwegs sind. Wir sind mit Kurt Wilhelmi am Brandenburger Tor verabredet. Kurt leitet das Büro des Omnibusses für Direkte Demokratie, von dem aus diese Aktion initiiert wurde.
„Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen ... ausgeübt heißt es in unserem Grundgesetz im Artikel 20, Absatz 2. Seit 1949 steht dieses Demokratieprinzip dort festgeschrieben. Die Wahlen sind durch ein Wahlgesetz geregelt, aber die bundesweiten Abstimmungen sind bis heute ungeregelt geblieben. Durch das Fehlen dieses Gesetzes konnten wichtige Grundsatzentscheidungen nicht abgestimmt werden, obwohl immer wieder Vorschläge aus der Bevölkerung zu allen möglichen Fragen, unterstützt von Tausenden Unterschriften, dem Bundestag übergeben wurden. Die Volksabstimmung ist ein wichtiges Instrument dafür, dass der Mensch Verantwortung für das „Soziale Ganze“ übernehmen kann. Diese Verantwortung lässt sich nicht delegieren. Ob es um Globalisierung, Bildung oder Arbeit geht: Wir müssen die Möglichkeit haben, solche Fragen direkt zu bearbeiten. Mit der Volksabstimmung ist das möglich. ...“, liest es sich in der Informationsbroschüre zu dieser Aktion.

Vor dem Tor hat das bunte Treiben bereits begonnen, Touristen recken die Köpfe zur Quadriga. Dort oben hält der Wagenlenker die Zügel in der Hand. Das ist ein schönes Bild für ein bewusstes Handeln und Gestalten der Menschen. Ist doch ein gutes Zeichen unter dem wir hier heute informieren und zur Teilnahme an der Aktion einladen.

Im Mittelpunkt der Aktion stehen die Aktionskarten. Mittels derer können die Bürger gegenüber dem Bundestag ausdrücken, dass sie eine Volksabstimmung befürworten und nur noch Abgeordnete wählen werden, die für eine Volksabstimmung sind. Auch Nichtwähler können die Karte nutzen und ausdrücken, dass sie erst wieder wählen, wenn die Volksabstimmung eingeführt worden ist.

Kurt können wir nicht ausmachen. Also fangen wir schon mal an. „Guten Tag, wir sind von der Aktion Bundesweite Volksabstimmung und möchten dass, die Bürger über grundlegende Fragen selbst abstimmen können.“
So geht es eine Weile, aber dann fragen wir uns doch „Wo ist Kurt?“  
Endlich finden wir einander, wir sind wohl mehrfach aneinander vorbeigelaufen, weil so ein Tor eben zwei Seiten hat.

Im Café am Brandenburger Tor bekommen wir während unserer Pause ein liebenswertes Schauspiel geboten: Die Stabfiguren-Compay ist unterwegs. Fünf Menschen, die mit Stäben eine übergroße Stabpuppe bewegen. Wir winken freundlich und schon kommt Eumel auf uns zu, begrüßt Anja auf das herzlichste in Berlin und macht mit uns einige Faxen. Derart fröhlich eingestimmt geht es weiter mit unserer Aktion in den Nachmittag.  An diesem treffe ich auf eine alte Frau. Sie trägt eine Plastikltüte und als ich anspreche, erzählt sie mir: "Ach junge Frau, das was Sie machen, hat doch gar keinen Sinn. Schauen Sie, nun bin ich so alt geworden und meine Rente ist so klein, dass ich leere Flaschen sammeln muss, damit ich leben kann." Sie erzählt, dass sie während der EM an der Fan-Meile vor dem Brandenburger Tor gewesen sei. "Das sind immer gute Gelegenheiten, viele Flaschen zu sammeln, weil die Menschen sie ja vor den Absperrungen abgeben müssen. Und wissen Sie, was die Security-Leute zu mir sagten? Lassen Sie die Flaschen im Container. Sie vergreifen sich an Staatseigentum." Wir unterhalten uns noch eine Weile. Zum Ende des Gesprächs reicht sie mir eine Postkarte vom alten Berlin. Ich will ihr dafür einige Cents geben, da schaut sie mich böse an und sagt: "Das kommt gar nicht in Frage, da bin ich zickig." Wir lachen beide, dann geht sie.

Günstige Gelegenheit

Sonntag, 13. Juli 2008

Ich mache mich auf nach Berlin-Friedrichshain. Hier wird heute von den Bürgern des Bezirks über die Zukunft der Bebauung an der Spree abgestimmt. Das ist eine günstige Gelegenheit: Hier treffen wir bestimmt auf zahlreiche Menschen, die an unserer Aktion interessiert sind. 30 Meter müssen wir vom Wahlbüro entfernt bleiben, das ist Vorschrift, damit die Wähler unbeeinflusst bleiben. Wir stehen zwar hier in einer ganz anderen Sache, aber so ist das eben. So halte ich den gewünschten Abstand und stelle meine Fragen, erst wenn die Menschen aus dem Wahlbüro wieder hinaus kommen. Es ist Sonntagmorgen, allzu viel ist hier vor dem Wahlbüro noch nicht los. Da kommt Sascha, der gerade im Büro von Mehr Demokratie sein Praktikum absolviert. Er kennt die Gegend gut und meint: „Hier, in Friedrichshain, da stehen die Leute später auf. Hier leben viele Studenten und Lebenskünstler und zudem ist heute Sonntag.“

Sascha behält recht, je später der Tag, umso mehr Menschen kommen, um ihre Stimme abzugeben, Nicht wenige sind zunächst verwundert, wenn ich sie wegen unseres Volksbegehrens anspreche. „Ich habe doch gerade erst abgestimmt. Wofür oder wogegen soll ich nun denn noch sein?“ Die meisten unterschreiben gerne, sind in der Regel gut über die Verfahren der Demokratie informiert und wissen schnell worum es uns geht. Die Resonanz an diesem Tag ist überaus positiv und so haben wir schnell unsere Listen mit Unterschriften gefüllt. Ich habe während der Stunden von Sascha noch eine Menge über die Kompliziertheiten des Wahlrechts erfahren. Er studiert Politologie und ist ein richtiger Profi. Für jedes Gegenargument weiß er eines dafür und so überzeugt er die ganz „harten Brocken“. Um 18 Uhr schließt das Wahllokal, wir verabschieden uns zufrieden. Das war ein wirklich erfolgreicher Tag.

Nun warte ich noch auf Anja, sie kommt ebenfalls aus NRW angereist und teilt mit mir dieselbe Unterkunft. Ich freue mich schon. Das wird eine lustige Woche.

Gleichgewichtsübungen


Samstag, 12. Juli 2008


Heute mache ich sammelfrei!

Zeit für einige Gedanken. Die Woche, in der ich für Mehr Demokratie gesammelt habe, ist bald um. Ab kommenden Montag bin ich in Sachen bundesweite Volksabstimmung unterwegs. Da zählt nicht so sehr die Anzahl der Unterschriften, sondern - so finde ich - wird mehr aus einem künstlerischen Ansatz heraus gearbeitet. Ich halte beide Ansätze für wichtig, da ich aber selbst Künstlerin bin, liegt mir der Ansatz des Omnibusses für Direkte Demokratie und die Aktion Volksabstimmung mehr.

In dieser Woche habe ich erfahren, wie schwierig es sein kann, in der Arbeit für die Idee ein gutes Gleichgewicht zu bewahren: Auf der einen Seite ist es wichtig, dass die demokratischen Instrumente - zum Beispiel mittels des Volksbegehrens - genutzt werden und mehr Demokratie ermöglicht wird. Das geht eben nur, wenn die erforderlichen Unterschriften auch zusammen kommen. Auf der anderen Seite, so meine ich, nützt mir das alleine nicht viel. Ich muss gleichzeitig einen Bewusstseins- und Übungsraum eröffnen, in dem wir lernen können, uns im gleichberechtigten Miteinander zu erproben.

Das ist nicht so leicht, wie es sich in den Flyern liest. Selbst in der Arbeit für mehr Demokratie laufe ich Gefahr, das Wesentliche dieser Idee aus den Augen zu verlieren. In dem Bestreben die anvisierten 20 000 Unterschriften zu erreichen, verfalle  ich schnell darauf, mein Gegenüber eben nicht als gleichberechtigten Menschen in seiner Würde zu erfassen. Da ärgere ich mich  über jemanden, der keine Zeit hat, oder einen, der mir sagt: Das hat doch keinen Sinn, die machen ja was sie wollen und denke nur: schon wieder keine Unterschrift,

Für mich sind daher diese Aktionswochen auch eine Übung zwischen all den Anliegen, den Bedingtheiten, die es braucht, um diese Idee Wirklichkeit werden zu lassen und dem ideellen Anspruch nach mehr Menschlichkeit, ein Gleichgewicht zu finden.

Am Abend treffen wir uns am Haus der Demokratie. Heute ist hier Hausfest und Fest der Menschenrechte. Informationstafel und -stände reihen sich aneinander. Im Nachbarhof spielt eine Band, die unterschiedlichen Gruppen, die hier im Haus ihre Büros haben, feiern zusammen und tauschen sich untereinander über ihre Arbeit aus. Eine angenehme Stimmung herrscht im Hof – und ich denke mal wieder, wir sind doch schon ganz schön viele.  

Wer noch mal war Beuys?

Freitag, 11. Juli 2008

Nils Johann vom Büro hat mir per Handy mitgeteilt, dass ich heute am Alnatura Biomarkt in der Greifswalder Straße sammeln soll. Zu mir stößt Markus Schmidgen vom Kölner Landesbüro. Ob ich ihn schon kenne, weiß ich nicht. Als ich aber vor dem Markt stehe und ein dunkel gekleideter junger Mann auf mich zu kommt weiß ich: Wir kennen uns bereits aus der Aktionsarbeit in Düsseldorf.

Das ist auch so eine Sache, die mir bei Mehr Demokratie gut gefällt: Die Mitarbeiter des einen Landesbüros unterstützen die Arbeit des anderen Büros, wenn größere Aktionen anstehen. Markus arbeitet seit Frühjahr dieses Jahres für Mehr Demokratie in Köln. Das Wetter ist schön, so beschließen wir, erst einmal richtig loszulegen und reichlich Unterschriften zu sammeln. Für ein ausgiebigeres Kennen lernen wollen wir die Mittagspause nutzen.

Beim Mittagessen erfahre ich, dass Markus ein Studium zum Lehrer in Geschichte und  Englisch absolviert hat: „Aber in der Referendarzeit habe ich gemerkt, dass ich in diesem Schulsystem nicht arbeiten möchte. Entweder hätte ich mich verbiegen müssen oder gegen all die Bedingungen ankämpfen, von denen ich denke, dass sie ein Lehren, so wie ich es gern getan hätte, unmöglichen machen.“ Markus brach die Referendarzeit ab und landete schließlich bei Mehr Demokratie. Ich finde, dass dies ein typischer Lebenslauf von Menschen ist, die ich in den vergangenen Monaten bei Mehr Demokratie kennen gelernt habe. Die meisten kommen aus Berufen, die wenig mit der politischen Arbeit gemein haben. Ihnen gemeinsam ist jedoch, dass sie in ihren Berufen etwas in dieser Welt erreichen und zu einem menschenwürdigen Miteinander hin verändern wollten. In diesem Wunsch sind viele auf die unterschiedlichsten Unmöglichkeiten in unseren Systemen gestoßen. So gesehen scheint Mehr Demokratie so etwas wie ein Auffangbecken für Sinnsuchende zu sein.

Im Kölner Büro ist Markus mit den Bereichen Mitgliederwerbung, den Straßenaktionen und allgemeinen Büroarbeiten betraut. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist zudem die Mitarbeit zu Fragen rund um die Europäische Union. Das höre ich gerne und nutze gleich die Gelegenheit, ihm Löcher in den Bauch zu fragen. Seit dem Referendum zum EU-Vertrag in Irland, beginne auch mich stärker für EU-Fragen zu interessieren. Das fällt mir mitunter schwer, weil mir gute Informationen fehlen. Auch für mich ist Europa weit weg. Mittlerweile habe ich aber verstanden, dass gerade die europäische Fragen in Sachen Demokratie neu angeschaut werden müssen. Also nutze ich die Gelegenheit, und lass mir von Markus Europa bei einem Becher Kaffee erklären.

Ich freue mich, dass ich nicht alles wissen muss. Immer wieder kann ich die Kompetenzen der anderen für mich nutzen und anstatt, dass ich dicke Bücher zum EU-Recht wälze, treffe ich einen wie Markus, der mir die grundlegenden Dinge erklären kann.

Meinerseits frage ich Markus, ob er sich mit den Ideen von Joseph Beuys verbinden kann? Ob er sich und seine Tätigkeit bei Mehr Demokratie als ein künstlerisches Tätigsein im Sinne der Sozialen Skulptur versteht? Markus schaut mich an und schüttelt den Kopf: „Nein, ich weiß ja gar nicht, was mit Sozialer Skulptur gemeint ist. Und ob ich das, was ich tue nun als Kunst sehe oder nicht, ist mir persönlich egal. Ich mache diese Arbeit, weil ich diese Arbeit machen will. Mir macht es Freude, den Menschen Möglichkeiten aufzuzeigen, ihr Leben und die Lebensumstände eigenverantwortlich zu bestimmen. Das macht mir Spaß, das ist das, was ich eigentlich in der Schule machen wollte.“

Ich lache und sage: „Wenn man es so macht wie du, dann muss man von Beuys auch gar nichts wissen.“

Man kennt sich

Donnerstag, 10. Juli 2008

So peux à peux werde ich vertraut mit Berlin. Die Dame am Ticket-Point begrüßt mich bereits mit Namen, wenn ich morgens mein Tagesticket bei ihr kaufe und die asiatische Blumenverkäuferin am Nordbahnhof springt auf, sobald sie mich sieht, greift in die Vase mit den Rosen und hält mir die schönste entgegen.

Heute bin ich wieder mit Oliver an der Bio Company zum Sammeln verabredet.
Auch hier sind mir bereits einige Gesichter vertraut, meistens die Gesichter der Menschen, die gestern unterschrieben haben. Allerdings ist dieses Erkennen nicht garantiert. So geschieht es heute einige Male, dass ich eine Passantin oder einen Passaten anspreche, die mich dann verständnislos und enttäuscht anblicken und bemerken: Ich habe doch schon gestern bei Ihnen unterschrieben.


Überhaupt scheint dies ein Phänomen zu sein, das sich nach einigen Tagen des Sammelns einstellt. Die Gesichter der Vorbeigehenden werden zum eine immer ähnlicher, so dass ich leicht denke: Den habe ich schon angesprochen und das bald von jedem der Vorbeihuschenden meine. Auf der anderen Seite spreche ich nun Menschen an, von denen ich sicher weiß, sie noch nie gesehen zu haben, was sich schnell als Irrtum erweist.

Der Vorteil allerdings nach einigen Tagen der Einarbeitung ist: Die Regularien um das Volksbegehren zu beschrieben sind klar und verinnerlicht. So kann ich meine Konzentration ganz auf mein Gegenüber richten, Fragen einigermaßen kompetent und unverzüglich beantworten, ohne nach einer geschickten Ablenkung auf einen anderen Themenbereich zum neuen Wahlrecht zu suchen.

Am Nachmittag zieht sich der Himmel zu. Es regnet. Nun erreiche ich kaum noch einen Menschen. Auch das zu beobachten: Scheint die Sonne, lassen sich die Menschen gern aufhalten, um mit mir in ein Gespräch zu kommen. Aber bei diesem grauen Wetter, ist ein jeder in sich gekehrt, hat den Blick zumeist nach unten gerichtet und ist somit für mich nicht mehr erreichbar.

So packe im am späten Nachmittag meine Kladde und die Listen ein und lasse es gut sein für Heute.

Oliver Widmann, Mitarbeiter im Berliner Büro für Mehr Demokratie.

Auf der Straße

Mittwoch. 09. Juni 2008

Heute arbeite ich wieder vor der Bio Company. Diesmal mit Oliver, den ich noch nicht kenne. Dafür kenne ich heute den Weg. Allmählich beherrsche ich die Berliner Unterwelt. Die ersten Routinen stellen sich ein, freue ich mich und sitze auch schon in der U-Bahn, allerdings: in der falschen Richtung.

Schließlich erreiche ich - wenn auch verspätet - mein heutiges Ziel. Oliver ist schon da. Wir begrüßen uns und stellen einander vor. Oliver ist Mitarbeiter im Landesbüro. Wie die meisten von ihnen ist auch er in diesen Tagen häufig auf der Straße beim Sammeln zu finden. Wir brauchen 20 000 Unterschriften für die erste Stufe des Volksbegehrens, die kommen nicht von selbst zusammen. So hilft jeder mit.

Heute Morgen läuft die Sache rund. Wir bekommen reichlich Unterschriften. Vor allem junge Mütter mit Kinderwagen stehen unserem Anliegen sehr positiv gegenüberstehen. „Ja, wir brauchen viel mehr Mitbestimmung als Bürger. Das unterschreibe ich Ihnen gerne.“ Ein älterer Herr unterschreibt ebenfalls sofort: „Wir müssen noch viel weitergehen. Wir brauchen einen bundesweiten Volksentscheid. Das, was wir jetzt haben, das ist doch gar keine richtige Demokratie. Wo stehen wir denn als Volk? Wir haben doch nichts zu sagen. Wir geben im wahrsten Sinne des Wortes alle Jahre unsere Stimmen ab und weg ist sie.“ Ich erzähle ihm von der aktuellen Aktion Bundesweite Volksabstimmung, die Mehr Demokratie im Bündnis mit dem Omnibus für Direkte Demokratie organisiert. Zum Glück habe ich einige der Aktionskarten dabei und gebe ihm eine. „Das ist wirklich eine gute Sache“ freut er sich.

Bald ist Mittag und Oliver und ich gehen essen. Jetzt ist Zeit, einander etwas besser kennen zu lernen. Dies ist für mich ein wichtiger Grund, an solchen Aktionsurlauben teilzunehmen. So lerne ich viele Menschen kennen, die mit der Idee der Direkten Demokratie verbunden sind. In der Regel sind das spannende Menschen, ist es ein gegenseitiges lernen und bereichern und für mich das Gefühl, dass wir schon recht viele sind, die sich aufmachen, eine menschenwürdige Welt zu gestalten.

Ich erfahre, dass Oliver für die Internetseite des Landesverbandes zuständig ist, Texte und Eingaben erarbeitet, die Aktionsurlauber betreut und vieles mehr. „Aber ich bin gerne beim Sammeln dabei. So bekomme ich mit, was die Menschen bewegt. Ich finde, neben dem Sammeln der Unterschriften, ist es wichtig mit den Menschen in ein Gespräch zu kommen, sie für die Idee von Mehr Demokratie zu interessieren.“

Ich stimme ihm zu. Heute zum Beispiel - hier in Kreuzberg - erhalten wir oft die Antwort: „Ich würde ja gerne unterschreiben, aber ich darf nicht, obwohl ich in Berlin gemeldet bin. Ich lebe seit 20 Jahren hier, aber ich werde behandelt wie ein Kleinkind. Ich bin Ausländer.“ Diesen Menschen geben wir die Listen der parallel laufenden Volksinitiative für ein Ausländerwahlrecht, so dass diese Berliner, wenigsten hier diesem Anliegen Ausdruck geben können .

Der Teufel ist los

Dienstag, 08. Juli 2008

Der erste Tag ist immer der schwerste. Aber immerhin: Ich habe ihn überstanden. Ganz zufrieden bin ich nicht. Ein wenig mehr Unterschriften hätten es gestern schon sein können. Aber wie heißt es: Ein neuer Tag, ein neues Glück.

Ich versuche es heute einfach an einem anderen Ort. Vielleicht habe ich an der Amerikanischen-Gedenk-Bibliothek mehr Erfolg?  Schon von weitem sehe ich, dass das keine so gute Idee gewesen ist. Vor dem Eingang stehen bereits drei Zeitungswerber. Hallo, bei mir können Sie ein Handy zum Nulltarif bekommen! begrüßt mich einer der Herren. Ich habe schon ein Handy, meine ich, und das nervt mich bereits genug. Außerdem bin ich selber hier, um Unterschriften für Mehr Demokratie zu sammeln. Wir halten ein Pläuschchen. Dann möchte ich mich endlich an die Arbeit machen. Kaum habe ich die Unterschriftenlisten ordentlich auf mein Brett geklemmt, das ich gewohntheitsgemäß nun vor meinen Bauch halte, da prasselt aus heiterem Himmel Regen nieder. Tropfen für Tropfen auf meine Listen. Das fängt ja gut an. Ich suche Schutz in der Vorhalle der Bibliothek. Schon kommt eine Dame auf mich zu. Hier drinnen können Sie aber nicht sammeln. Ich sage ihr, dass ich das auch nicht vor habe, dass ich hier nur den Regen abwarten möchte. Sie lässt Gnade vor Recht ergehen und ich darf bleiben, bis der Regen aufgehört hat. Es regnet und regnet.
Meine Stimmung verdunkelt sich. Da klingelt das Handy. Nils vom Büro ruft an und teilt mir mit, dass Michael Effler, der Leiter des Berliner Büros mich heute beim Sammeln unterstützen wird. Weil ich meinen gewählten Ort für doch nicht so geeignet halte, vereinbaren wir, uns vor einem Bioladen in Kreuzberg zu treffen. Für mich heißt das noch mal in die U-Bahn bis zum Kottbusser Tor zu fahren. OK. Bis gleich.

Es gibt so Tage, denke ich, da bleibt man einfach besser im Bett, als ich vor dem Eingang zur U-Bahn stehe. Auf der Linie verkehren zurzeit keinen Bahnen. Es wurde ein Ersatzverkehr mit Bussen eingerichtet. Aber wo ist nun die Haltestelle?

Endlich nach vielen Umwegen finde ich den Kreuzberger Bioladen, der mehr ein Biokaufhaus ist. Meine Stimmung steigt. Vor dem Laden stehen Tische und Bänke. Drinnen gibt es Kaffee, Gebäck und Bio-Tagessuppen. Vielleicht ist das hier wirklich ein guter Platz? Der erste Passant kommt auf mich zu. Ich habe neuen Mut gefasst und spreche ihn freundlich an. Hallo, guten Tag. Ich sammle Unterschriften für ein Volksbegehren, damit in Berlin das Wahlrecht verbessert werden kann. Der Mann bleibt stehen und holt tief Luft. Ich will Ihnen mal was sagen. Was Sie hier machen, das ist Teufelswerk. Die ganze Welt geht zu Grunde, da gibt es nur noch eine Macht, an die wir uns wenden können, die uns errettet. Seien Sie gewiss, Sie sind verloren, wenn Sie sich nicht zum Herrn bekennen. Ich schlucke und meine, dass ich von Angstmacherei nicht viel halte, dass ich lieber nach Lösungen und Alternativen suche, wenn ich ja wie er auch der Meinung bin, dass es in der Welt gerechter zugehen könnte. Darum stehe ich hier und sammle Unterschriften, weil ich meine, dass das geeignete Mittel mehr Demokratie sei. Das sei Satan, der mir das einflüstere, schimpft die Gestalt vor mir und wedelt wild mit den Armen. Ich bedanke mich bei ihm für seine Errettungsversuche und rette mich nun meinerseits vor ihm.

Jetzt brauche ich einen Kaffee und eine Zigarette. Das ist einfach nicht mein Tag.
Da endlich kommt Michael Effler angerauscht. Hoch motiviert und bester Laune. Das kann ich jetzt wirklich gut gebrauchen.

Es ist schließlich doch ein erfolgreicher Tag geworden. Der Platz vor dem Biokaufhaus ist prima. Die meisten Menschen, die hier zum Einkauf kommen, sind aufgeschlossen. Sie fragen interessiert nach, viele sind bereits gut informiert. Eine Unterschrift kommt zur anderen. Ich bin nun auch bester Laune, derweil Michael zwischendurch per Handy Aufgaben fürs Büro erledigt. Am Abend fahren wir gemeinsam zum Besarin Platz. Dort haben wir uns verabredet, um mit den andern Sammlern gemeinsam zu Abend zu essen - und um ein Bier zu trinken. Eine gute Idee!

Immer bei der Arbeit: Michael Effler.

Jetzt geht's los!

Montag, 7. Juli 2008

Jetzt geht’s los! Auf zum Haus der Demokratie in der Greifswalder Straße. Ohne Stadt- und Linienkarte: keine Chance. Berlin ist doch unübersichtlicher als mein beschauliches Müllenbach. Überhaupt finde ich es hier recht gefährlich. Auf dem Gehweg die Straßenkarte zu studieren ist ein Wagnis. Schon wieder huscht ein Radfahrer knapp an mir vorbei. Schön für ihn, dass er weiß, dass er leicht an mir vorbeikommt. Und nun stehe ich mitten auf den Straßenbahngleisen. Ja, ja, ist ja gut, ich weiß jetzt steh’ ich Landei auf deinem Radweg. Und wieso gibt es hier überhaupt Fußgängerampel, wenn sowieso jeder bei Rot über die Straße latscht?

Egal, ich werde mich schon eingewöhnen. Immerhin bin ich heil am Nordbahnhof angekommen. Jetzt muss ich nur noch in die Linie S1, S2 oder S 25 einsteigen, bis zum Bahnhof Friedrichstraße, dann mit der nächsten U-Bahn zum Alexanderplatz und schließlich mit der M4 bis zur Haltestelle Friedrichshain fahren.

Die Bahn hält. Das Haus der Demokratie ist in Sichtweite. Nicht ohne Stolz stehe ich nun vor dem Tor. Ich durchschreite den ersten Hof, dann den zweiten, hier geht es zum Büro des Berliner Landesverbandes von Mehr Demokratie. 4. Stock, die Tür steht offen. Mitarbeiter Nils Johann begrüßt mich. In den nächsten Minuten füllt sich der Raum. Ein Mitarbeiter nach dem andern kommt hinzu, ebenso einige Aktions-Urlauber wie ich einer bin. Wir sitzen rund um den Tisch, auf dem sich Aktionskarten, Unterschriftenlisten und Info-Flyer stapeln. Ich hätte jetzt nichts gegen einen Kaffee einzuwenden. Aber irgendwie scheint dafür keine Zeit. Termine werden besprochen und Teams für die heutige Unterschriftensammlung zusammengestellt. Mir schräg gegenüber sitzt Michael. Wir kennen uns aus dem Aktions-Camp in Düsseldorf. Er ist einer der ganz eifrigen Sammler für Mehr Demokratie. Hallo, schön dich wieder zu sehen! 

Wieder dabei: Michael.

In der Besprechung erfahren wir, dass wir uns in den nächsten Tagen vor allem auf das Volksbegehren für ein besseres Wahlrecht in Berlin konzentrieren wollen. Die Volksinitiative zur Senkung der Sperrklausel, zur Einführung des Ausländerwahlrechts und Senkung des Wahlalters auf 16 Jahren auf Bezirks- und Landesebene können wir hinten anstellen.

Ich vergegenwärtige mir also: Eingeführt werden soll mit Hilfe des Volksbegehrens fünf Parteistimmen, die der Wähler in Berlin frei auf die Parteien verteilen kann. Wer nur eine Partei unterstützen möchte, kann natürlich alle fünf Stimmen einer Partei geben.

In Berlin müssen die Wähler bis dato die Kandidaten akzeptieren, die die Parteien vorgeben. Mit dem neuen Wahlrecht würden sie hingegen die Möglichkeit erhalten, die Kandidatenreihenfolge der von ihnen gewählten Parteilisten zu verändern, indem sie diese durchnummerieren und so eine Rangfolge ihrer Wahl erstellen. Außerdem sollen Mandatswahlkreise eingeführt werden, in denen mehrere Abgeordnete gewählt werden. So haben dann auch die Wähler der zweit- oder sogar der drittstärksten Partei dann einen Ansprechpartner in ihrem Wahlkreis. Zudem soll der Wähler eine Ersatzstimme abgeben können, mit der er eine Partei kennzeichnen kann, der seine Stimme zu gute kommen soll, falls die eigentlich bevorzugte Partei an der Hürde von 5 Prozent scheitert.

Ich finde, das ist eine Menge Stoff und überlege mir bereits, wie ich diese Vielfalt an demokratischen Möglichkeiten in kurze Sätze fassen kann, die für die Arbeit auf der Straße geeignet sind.

Vielleicht: Hallo, sind Sie ein Berliner? Wir möchten im Rahmen eines Volksbegehrens das Wahlrecht in Berlin verbessern. -  Mal sehen, mir wird schon das Passende einfallen.

Ich erfahre: Heute sammle ich zusammen mit David. David ist Schweizer und absolviert zurzeit ein Praktikum bei Mehr Demokratie.

Die Zeit drängt. Von den erstrebten 20 000 Unterschriften sind gut 12 000 gesammelt. Es fehlen noch 8000 Unterschriften und die wollen in den nächsten zehn Tagen gesammelt sein. Na, dann mal los.

Wir stopfen Klemmbretter Unterschriftenlisten und ausreichend Info-Flyer in unsere Rucksäcke. Nils Johann ordnet uns die Sammelplätze zu. David und ich sammeln vorm Bio-Laden in der Schönhäuser-Allee.

Heute sammle ich Unterschriften mit David aus der Schweiz.

Erste Streifzüge durch Berlin

Sonntag, 06. Juli

Gute Fragen ...

Da wird viel geredet, wo die Worte fehlen

Samstag, 5. Juli 2008

Der Morgen der Abreise ist da. Der Rucksack ist gepackt. Die sorgsam ausgewählten Utensilien stehen bereit. Auf geht es zum Hagener Hauptbahnhof. Abfahrt ist um 11.35 Uhr. Ich erreiche den Bahnsteig 6 herrlich ausgeschlafen. Um 15.04 Uhr werde ich in Berlin, dem Ziel meiner Reise sein. Am Bahnsteig freuen sich zwei ältere Herren über meine Ausstattung und fragen mich, ob ich auf einer Pilgerreise wäre. Ich antworte: "Ja, so könnte man das nennen. Ich bin unterwegs in Sachen Mehr Demokratie." Das nun interessiert sie weniger. So wünschen sie mir höflich eine gute Reise und gehen ihrer Wege. Da kommt auch schon der ICE. Ich vergewissere mich: Ja, der fährt nach Berlin. Ich liebe das Bahnfahren, ich liebe es, wenn die Landschaften ebenso wie meine Gedanken vorbeiziehen. Während der dreieinhalbstüdigen Fahrt habe ich noch einmal Zeit die Ausdrucke zum Thema "Besseres Wahlrecht in Berlin" zu lesen. Jedes Bundesland hat sich ein etwas anderes Wahlrecht ausgedacht. Was ich nun für das Wahlrecht auf kommunaler Ebene in Nordrhein-Westfaeln längst auswendig weiß, weil ich dort im März beim Aktionscamp von Mehr Demokratie die Volksinitiatve ein Neues Wahlrrecht in NRW" unterstützt habe, gilt für das angedachte neue Wahlrecht in Berlin nicht. Hier wünschen sich die Verantwortlichen ein Präferenz-Wahlrecht, ein Wahlrecht für ausländische Mitbürger und ein Wahlrecht für Menschen ab 16 Jahre. Die Unterlagen sind im meinem Rucksack.

Gerade will ich zum Rucksack greifen, da gibt es einen Ruck. Ein schlagendes Geräusch. Stille. 

Der ICE verlangsamt seine Fahrt. Unter den Fahrgästen immer noch Schweigen. Vielleicht ein dicker Ast, denke ich. Der Zug jedenfalls scheint nicht entgleist zu sein. Jetzt stehen wir. "Wir haben jemanden überfahren", bricht einer der Mitfahrenden das Schweigen. Dann ist es wieder ruhig.

...

Nach gut zwei Stunden setzen wir die Fahrt wieder fort. Jetzt reden wir miteinander, weil einem jeden der Reisenden nichs anderes bleibt, um mit der eigenen Ohnmacht fertig zu werden, weil es so schwer ist, damit umzugehen, dass gerade eben ein Mensch seinem Leben ein Ende gesetzt hat, wo die meisten von uns hoffnungsfroh auf ein Ziel zu fahren. Da wird viel geredet, wo die Worte fehlen.

Gegen 18 Uhr komme ich in Berlin an.

Ohne die Rose tun wir's nicht

Freitag, 4. Juli 2008

Etwas fehlt noch. Da ich diese Reise aus gutem Grund unternehme, wünsche ich mir, dass dieser Grund seinen Ausdruck findet. Meine Teilnahme an den Aktionen in Berlin begründet sich darauf, dass ich das Instrument der Direkten Demokratie für wesentlich in meinem künstlerischen Tätigsein halte. Eine Erkenntnis, die ich unter anderem den Texten von Joseph Beuys und Johannes Stüttgen, den Gesprächen mit Rainer Rappmann oder Gerald Häfner verdanke. Alle erachten sie die Idee der Direkten Demokratie als wesentlich, wenn es darum geht, eine menschenwürdige Zukunft zu gestalten. Dass dies auch mein Anliegen auf dieser Reise ist, das möchte ich sichtbar machen. Mir zur Vergegenwärtigung und als äußeres Zeichen. Ich könnte vielleicht den beuysschen Hasen als Symbol des Friedens und der Transformation wählen, mir einen Hasenkopf schnitzen und diesen dann auf meinen Wanderstab pfropfen. Aber irgendwie gefällt mir das nicht. Ich glaube, ich nehme die Rose. Dieses Symbol versteht jeder und in Verbindung mit der Idee der Direkten Demokratie scheint mir die Rose gut gewählt, ganz im Sinne von Joseph Beuys: „Ohne die Rose tun wir's nicht“.

Vorbereitungen

Donnerstag, 3. Juli 2008

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Damit mir das gelingt, treffe ich heute die letzten Vorbereitungen. So ein Wanderstab, denke ich, den würde ich gerne noch haben. Im Keller stehen noch zwei Nordic-Walking-Stöcke, aber ich will ja keinen Sport treiben. So ein Wanderstab wie die Menschen ihn früher hatten, einen, der auf Asphalt nicht allzu sehr klackert, so einen hätte ich gerne. Nur gut, dass ich in der Nähe eines Waldes wohne, da dürfte so ein Exemplar leicht zu finden sein. Gedacht, getan. Zwischen den Brombeeren, der abgebrochene Ast, der sieht recht vielversprechend aus. Die Länge stimmt und in der Hand liegt er auch ganz gut. Ich gehe einige Schritte. Prima, der passt. Da muss ich nur hier und da wenige Verfeinerungen vornehmen. Das sollte mir gelingen.

Die überflüssigen Zweige sind entfernt. Sieht wirklich gut aus mein knorriger Begleiter für die kommenden zwei Wochen in Berlin. Ich bin gespannt, ob er sich in der Hauptstadt bewähren wird.

 

 

Der etwas andere Urlaub

Mittwoch, 2. Juli 2008

Eben klingelt das Telefon. Eine warmherzige Männerstimme sucht zögerlich einen guten Gesprächsanfang. Ob ich schon mal an einer Gewinnausschreibung oder etwas ähnlichem teilgenommen hätte? Mein „Nein!“ verrät ihm, dass das kein gelungener Ansatz gewesen ist, um mit mir in ein Gespräch zu kommen. In einem zweiten Versuch will er meine Gesprächsbereitschaft wecken, indem er mir den Gewinn einer Urlaubsreise in Aussicht stellt. Das gerät zu einem ähnlich unglücklichen Versuch.

„Mit einer Reise in die Alpen oder an das Meer - ob zur reinen Erholung oder mit Wellnessprogramm - können Sie mir gar keine Freude bereiten“, schmunzle ich. „Solche Art Freizeit ist mir viel zu langweilig. Ich habe besseres zu tun. Zum Beispiel fahre ich am Samstag nach Berlin und beteilige mich an den Aktionen Neues Wahlrecht! und der Aktion Volksabstimmung. Das macht mir Freude, das ist meine Art Urlaub zu machen. So lerne viele interessante Menschen kennen und kann gleichzeitig etwas für ein demokratisches Deutschland tun. Das ist spannend, lebendig und sinnhaft gleichermaßen.“

Mein unbekannter Telefonpartner spürt zu recht, dass er mir ein vergleichbares Abenteuer nicht anbieten kann und so kürzt er das Gespräch höflich ab. „Tja, dann viel Spaß in Berlin.“

Ich lache und freue mich. Am Samstag ist es so weit. Der alte Rucksack trocknet gerade in der Sonne.